Montag, 20. Februar 2012

Bangalos brennen, Rauch steigt auf...


Die Kluft ist deutlich spürbar. Es werden Stellungen auf der einen oder auf der anderen Seite bezogen und keiner will von seiner Position abweichen. Die Diskussion ist wie eine in den Dreck gefahrene Karre und nun sitzt er fest.
Die Rede ist von der Pyrotechnik im Stadion. Am Abend des 17.02.2012 spielte Mainz 05 bei der TSG 1899 Hoffenheim und es kam – mal wieder zum Abbrennen von Pyrotechnik. Ich will versuchen möglichst sachlich zu bleiben, da ich stellenweise zugeben muss, dass Pyrotechnik tolle Lichteffekte gibt, aber nicht IN den Block gehört, der mitunter deutlich überfüllt ist.
Doch erstmal zu den Bengalos an sich. Auch bekannt als Bengalische Fackel oder -s Feuer bekannt, besteht es aus diversen Elementen wie Nitraten oder auch Magnesium. Die Zusammensetzung variiert, was zu unterschiedlichen Färbungen der Flamme führt. Die Verbrennungstemperaturen der "handelsüblichen" Bengalfackel liegt zwischen 1600 und 2500 Grad Celsius. Dass es bei solchen Temperaturen zu schwersten Verbrennungen kommen kann, dürfte auch für den Letzten klar sein, der sich mal am Herd oder ähnlichem die Finger verbrannt hat. Weiterhin dürfte klar sein, dass es für eben diese schweren Verbrennungen keinen direkten Kontakt mit Haut oder Kleidung benötigt. Der Begriff der Wärmestrahlung findet sich auch immer wieder auf Lehrgängen für Feuerwehrangehörige, wo diese als Ausbreitungsgefahr eines Brandes behandelt wird. Auch dürfte klar sein, dass eine Bengalfackel nicht sofort nach dem Abbrand so kalt ist, dass man sie bedenkenlos entsorgen kann. Die Restwärme reicht immer noch eine gewisse Zeit aus um zu schweren Verbrennungen zu führen.
Ein weiteres Gesundheitsrisiko ist der Rauch der Bengalfackeln. Durch die Inkorporation (Einnahme) von Nitraten kann es zu einer Reduktion zu Nitriten führen, das zum krebserregenden Nitrosamin werden kann. Nitrit verbindet sich mit dem Hämoglobin im Blut und man kann innerlich ersticken. Genug der Horrorvisionen.
Kommen wir langsam zu den rechtlichen Aspekten. Feuerwerksartikel und Pyrotechnik fallen unter explosionsgefährliche Stoffe und müssen somit eine Zulassung des Bundesamtes für Materialprüfung (kurz: BAM) besitzen. Die BAM wird in mehrere Gruppen unterteilt. BAM-P I, BAM-P II, BAM-P III, BAM-PT1 sowie BAM-PT2. Am einfachsten ist Gruppe P I erklärt. Das sind einfache Wunderkerzen oder Knallfrösche und frei ganzjährig verkäuflich. Die anderen Gruppen sind zeitlich begrenzt verkäuflich an Personen, die entweder das 18. Lebensjahr vollendet haben oder eine Ausbildung zum Pyrotechniker abgeschlossen haben. Damit soll ein unsachgemäßer Umgang vermieden werden. Deshalb ist auch im Sprengstoff-Gesetz (SprengG) auch klar die Anwendung und die Anlässe zum Abbrennen von Feuerwerk und Pyrotechnik geregelt. Ebenso sind durch diverse Regelungen und Richtlinien die Sicherheitsabstände zu anderen Personen geregelt. Es kann ja auch durch einen Produktionsfehler mal was daneben gehen und dann möchte vermutlich niemand gerne daneben stehen. Vielleicht ist auch dies ein Grund, weshalb es in den meisten, wenn nicht sogar in allen Stadionordnungen ausdrücklich verboten ist Pyrotechnik abzubrennen und dies mit Strafen belegt ist. Womit wir auch schon den Bogen gespannt haben zum eigentlichen Thema.
Pyrotechnik im Stadion
Die einen fordern "Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren". Ich hab mir in der Recherche zu diesem Thema einige Webseiten durchgelesen und stelle fest, dass man in den Fanlagern sehr wohl um die Gefahren der Pyrotechnik weiß und auch einige Objekte aus diesem Bereich selbst nicht wollen. So werden Böller und Leuchtspurgeschosse in einem Text von Dezember 2010 verurteilt und verbannt. Ebenso wie die Entsorgung abgebrannter Pyro in scheinbar leere Räume oder auf das Spielfeld. Ich hab jetzt nicht mehr alle "Zwischenfälle" um das Thema Pyro im Kopf, halte aber mal die Unschuldsvermutung aufrecht und behaupte einfach, dass nichts dergleichen passiert ist. Was mir allerdings aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass der Einsatz bzw. der Verzicht auf Pyrotechnik im Stadion nicht verhandelbar ist, weil es ein Teil der eigenen Subkultur sei. Wenn ich jetzt gehässig wäre, würde ich fragen, ob in dieser Subkultur keinerlei Regeln und Gesetze gelten, oder ob sich das alles "intern regelt" (Insider wissen, was ich meine...)
Egal wie viele Gespräche geführt wurden oder fälschlicherweise Aussagen von ehemaligen DFB-Mitarbeitern gemacht wurden, ein Gremium wie der DFB kann keine Gesetze umgehen oder gar ändern. Vor allem muss auch diese Institution sich an die Vorgaben der FIFA und UEFA halten. Diese sind strikt gegen ein Legalisieren der Pyrotechnik. Bei der Gesetzeslage und dem bei den Unterstützern oben genannter Kampagne erkannten Gefahrenpotential irgendwie auch verständlich, oder? Womit wir auch den fließenden Übergang zu den Gegenargumenten haben.
Da haben wir:
- Gesundheitsgefährdung durch Hitze, Flammen und Rauch (bereits zu Eingang beschrieben). Dazu gehört auch, dass es ja mal passieren kann, dass einem ein Bengalo zu nahe kommt und jemanden ernsthaft verletzt. Im "worst case" fängt die Tribüne oder ein Fan Feuer und ich bin mir sicher, dass eine Panik ausbrechen würde.
- Gesetzeslage
- gesetzliche Vorgaben zum Umgang und Erwerb von Pyrotechnik, wobei hier erwähnt sein sollte, dass in Stadien ANGEBLICH meist Bengalos ohne die vorgeschriebene BAM-Kennzeichnung verwendet wird. Diese darf eigentlich weder nach Deutschland importiert, geschweige denn abgebrannt werden. Der Import (auch der Kauf via Ebay aus dem Ausland) ist ein Straftatbestand.
- Unverständnis der "normalen" Fans, zu denen ich mich selber zähle.
Ich bitte schon mal vorab um Entschuldigung, wenn ich jetzt etwas zynisch oder extrem übertreibe. Meinen eigenen Standpunkt und Vorschlag werde ich am Ende des Blogs vortragen.
Aus der Sicht eines "Normalo-Fan" ist das Getue der Ultras schon ziemlich überzogen. Man ernannte sich im Alleingang zum Hüter, Wahrer, Entwickler und Erfinder der Fankultur. Ohne jetzt im weiteren darauf eingehen zu wollen, stelle ich nur mittlerweile fest, dass ich bundesweit in ein beliebiges Stadion gehen kann und die Gesänge kenne und nur den Ort wissen muß, um den richtigen Vereinsnamen einzusetzen. So viel dann wohl zur  Einzigartigkeit des eigenen Vereins. Früher gab es auch harte, manchmal überzogene Gesänge/Schlachtrufe, etc.
Beispielhaft hierfür ist ein Posting von Batschkappenträger aus dem Kigges-Forum (Mainz 05):" Das was du da so alles "unsympathischen Scheiß" nennst, gehört in großen Teilen ganz, ganz traditionell zum Fußball (Pyro nehm ich da mal raus). Das bepöbeln des Gegners bzw. der Gegenspieler ist ebenso in der Fußballkultur verwurzelt wie das anfeuern der eigenen Mannschaft.
Und mal ganz ehrlich, dieses ewige "Mainz, der besondere Verein, mit den ganz doll lieben Fans" geht mir wiederum mächtig auf den Sack. Und diese Saison ist das gefühlt im Block noch 'ne Ecke schlimmer geworden. Dazu kommmt, dass diese ganzen tollen (meist neuen) "FairPlayFans" das Maul nicht aufbekommen - außer vielleicht um im Q-Block "Fahn runner!" zu schrein. 
:-| 
Das sind dann die Momente, wo man sich nach dem Bruchweg sehnt. Oder nach 'ner Auswärtsfahrt nach Onsabrück. Oder Ingolstadt. Oder Fürth.
  " Aber ich verrenne mich zu sehr in Ultra-Schelte...
Ich finde es allerdings bemerkenswert, dass man auf Seiten der Ultraszene (in diesem Fall Mainz) auf das Abbrennen von Pyrotechnik im "Pokalspiel, sowie in den nächsten Wochen" verzichtet. Toll. Sollen wir (Fans, Verein und Ordnungskräfte) Euch jetzt auch noch loben und Euch alles erlauben, bloß weil ihr geltendes Recht beachtet? Natürlich war es ein Entgegenkommen von Euch auf die Verantwortlichen der Vereine und Verbände, aber was bringt das einem, wenn man vorher (und hinterher auch) immer wieder gegen Gesetze verstößt. Woher kommt eigentlich die Idee der Subkultur, dass Pyrotechnik abgebrannt wird? Wie Batschkappenträger beschrieben hat, ging es vor 10-20 Jahren (größtenteils) auch ohne Pyro. Diese wurde zwar schon hin und wieder eingesetzt, aber doch eher selten.
Weiterhin finde ich es verwunderlich, dass sich die Ultras auf die Fahnen schreiben alles FÜR Mannschaft und Verein zu tun. Dass sie Grips haben bewiesen sie ja in dem Hinweis auf vorsichtigen Umgang mit Pyrotechnik und die Gefahren derselben. Warum unternehmen sie dann etwas, das per Gesetz sowie laut Stadionordnung des Vereins, Statuten des DFB, der UEFA und der FIFA verboten ist und immer wieder mit saftigen Geldstrafen belegt ist? Andere Ziele der Ultras verstehe ich und finde es auch wünschenswert, dass sie jemand verfolgt. Beispiele dafür sind das Ansprechen der Kommerzialisierung, die zeitliche Verzerrung der Spieltage, damit bald JEDES Spiel exklusiv im Pay-TV angeboten werden kann, Stehplatzpreise (sofern noch Stehplätze vorhanden sind). Trotz allem finde ich die Mittel, mit denen dagegen angegangen wird, teilweise doch mehr als merkwürdig. Um zum eigentlichen Thema zurück zu kommen. Wenn ich Feuer mit Feuer bekämpfen will, muss ich – als Feuerwehrmann – schon extremst verzweifelt sein. Ich möchte die Ultra-Gruppierungen aber auch keineswegs komplett verteufeln. Die Choreographien zum 100-jährigen Bestehen des FSV Mainz 05 oder zum Aufstieg und diversen anderen Anlässen waren toll und vermutlich auch zeit- und kostenintensiv. Dafür Danke. Und bei der 100 Jahre Choreo gabs auch Pyro ;-)



Wie versprochen will ich euch noch mein Szenario vorstellen.
Man sollte versuchen einen Mittelweg zu finden. Die Pyro also raus aus dem dichten Block, aber nicht komplett aus dem Stadion. Dafür aber auch nicht bei jedem Spiel. Man könnte über ein Kontingent an Pyroshows denken, dann aber nur von geschultem oder eingewiesenem Personal, das namentlich beim Verein und Verband gemeldet ist, diese dann aber gewisse Zugeständnisse bekommen. Zum Beispiel in den Ecken, vor oder nach dem Spiel und dann bitte auch nach Möglichkeit eine (noch zu entwickelnde) weniger schädliche Variante der Bengalos. Rauch kann man auch anders herstellen, als durch Verbrennen von Chemikalien. Auch farblich. Die Benutzung darf aber auch nicht zu inflationär werden. Stadtderbys oder Jubiläen wären solche Anlässe...
Aber irgendwie vermute ich, dass sich die ganze Diskussion immer wieder im Kreis dreht und sich keine der Parteien bewegen will oder wird und wir weiterhin mitten im Block in gesundheitsgefährdenden Verbrennungsprodukten stehen werden.

3 Kommentare:

Batschkappenträger hat gesagt…

Danke für ein aus dem Zusammenhang gerissenses Zitat. Mein Posting war eine Antwort auf einen Beitrag, der mit Pyro nix zu tun hatte, sondern sich darüber beschwert wurde, dass es ja Leute gibt, die im Stadion den Gegner beleidigen. Das "Pyro nehm ich da mal raus" steht in erster Linie da, weil ich eben k e i n e Pyrodiskussion anfangen/ weiterbetreiben wollte.
nfu, Batschkappenträger

Unknown hat gesagt…

Ich finde schon, dass es da rein passt. Immerhin geht es mir in dem Teil um alles andere als Pyro

Ludo hat gesagt…

Paar rechtliche Ausführungen:
Zum einen geht es um Bengalos mit der Kennzeichnung t1, die ab 18 Jahren erlaubt sind mit bam nummern. Zum anderen gab es in Freiburg vor kurzem ein Urteil, dass den Einsatz von Pyro nur als Ordnungswidrigkeit ansieht. Und dann sind da noch 2 Rechtsgutachten, die den Einsatz von Pyro grundsätzlich für möglich erklären.
Erlauben kann der DFB Pyro nicht, er kann es nur nicht mehr unter Srafe stellen, was jederzeit möglich wäre.
Eine Erlaubnis müsste je nachdem mit den lokalen Ordnungsbehörden ausgehandelt werden, in Düsseldorf, Würzburg und Chemnitz gab/gibt es entsprechende Absprachen und es scheitert einzig und allein am unbegründeten Veto des DFB, weil die Vereine keine Strafe zahlen wollen.

Zum Thema Subkultur:
Wesentliches Merkmal einer Subkultur ist ein eigenes Regel- und Wertesystem. Es ist daher absurd, wenn du einerseits den Begriff verwendest, dann aber davon sprichst sich an Regeln und Gesetze zu halten. Ergo wenn du so kommst dann schreib Kinderbande oder was ihr Kiggesianer sonst so sagt und nicht Subkultur!

Zu dem Vergangenheit: Vor 10-20 Jahren ging es ohne Pyro? Das ist schlichtweg falsch. Ich erinnere an Spiele gegen Bielefeld 98, in Ulm 99, Krefeld 98, Spiele in Mannheim und wie oft am Bruchweg usw. Der Einsatz von Pyro war damals wesentlich häufiger, nur hat sich keiner dran gestört, zumindest nicht öffentlich.

Generell zu deiner Ansicht zum Thema Ultras: Man sieht du bist zu weit weg von der Materie, um wirklich urteilen zu können. Du tust vieles als arrogant und besserwisserisch ab, de facto sind die wirklich meinungsbildenden Leute bei den meisten Ultragruppen seit Ewigkeiten in der Fanszene aktiv und beschäftigen sich intensiv mit dem ganzen Drumherum, haben also ne gehörige Portion Sachverstand. Ich kann dir nur empfehlen mal wirklich regelmässig direkte Gespräche zu führen und du wirst merken, wie begründet manche Standpunkte sind.

Zum Weg der Ultras: Glaub mir, man weiß sehr genau was man tut. Durch die Kampagne und den Einsatz von Pyro hat sich der Anzahl der Befürworter mehr als verdoppelt, Pyro war ja vor der WM fast von der Bildfläche verschwunden und jetzt ist es wieder an der Tagesordnung. Auch ist es den Ultras gelungen Verbände und Vereine etc stellenweise öffentlich vorzuführen, siehe Debatte um die Rechtsgutachten. Die ganze Ultrakultur hat durch diesen Konflikt nochmal zusätzlich Fahrt aufgenommen und schafft es langsam die eigenen Inhalte auch medial wirksam verständlich zu machen.

Zu Strafen für die Vereine: Im Ernst über die vllt 10000 Euro Strafe lachen die Vereine, kein Manager etc stört sich daran wirklich. Bei nem Profiverein bekommt jeder Spieler ne Siegprämie die höher ist. Gefährlich wirds erst, wenn es um Stadionsperren oder dergleichen geht und das würden die meisten Ultras auch nicht riskieren.

Zu deinem Fazit: Das sind größtenteils doch exakt die Forderungen der Pyrokampagne, gekennzeichneter Bereich, bekannte und eingewiesene Leute, nur zu bestimmten Anlässen, nur vernünftiges Pyromaterial...Aber genau da machen DFB/DFL zu, obwohl es rechtlich eben möglich wäre. Und dieser Gesprächsabbruch dann einseitig und ohne wirkliche Begründungen(weil sie auch einfach keine haben) ist einfach nicht hinzunehmen. Die Ultras sind weiterhin zu Gesprächen bereit.

Das ist auch jetzt alles nur in Ermangelung von Zeit schnell daher geschrieben, eigentlich gibt das Thema noch viel mehr her, aber wenn sich jmd die Mühe abseits der unsachlichen Diskussionen auf Kigges macht, dann hat er auch ne Antwort verdient. Generell kann ich nur jedem empfehlen einfach das persönliche Gespräch zu den Befürwörtern zu suchen, dabei können immer viele Unklarheiten, die im Netz nunmal entstehen, ausgeräumt werden. Vertreter von USM, Metzger, HKM oder anderen sind bei jedem Spiel leicht zu finden.