Nach langer und ausführlicher Suche, habe ich ihn endlich gefunden. Den Spielplan zur Rückrunde der UAE FA Pro League (
www.ufl.ae). Allerdings musste ich auch noch rausfinden, wie man ihn liest. Während einer ruhigen Schichtauf der Feuerwache Sakamkam fragte ich dann einen einheimischen Kollegen. Der erklärte mir zum Glück, wie man den Plan zu lesen hatte. Es klingt zwar verwirrend, aber in diesem Land wird zuerst die Gastmannschaft genannt. Wenn dort also zum Beispiel Bani Yas - Kalba steht, ist das Spiel in Kalba und der Gegner ist Bani Yas, welche in Abu Dhabi beheimatet sind.
Soweit, so gut. Kommen wir zu den Anstoßzeiten... Hier fängt kein Fußballspiel zur gleichen Zeit an, was mehrere Hintergründe hat. Zum einen werden ALLE Spiele live im Free-TV übertragen, zum anderen wird darauf geachtet, dass die Spiele sich nicht mit der Gebetszeit überschneiden.
Das nächstbeste Spiel, das sich zu besuchen anbot war bereits erwähntes Bani Yas gegen Kalba in eben Kalba. Die Ortschaft liegt direkt südlich von meinem Wohnort Fujairah.
Zwar gibt es auch bei uns Fußballklubs und ein großes Stadion, allerdings haben die Vereine in der Stadt keine Homepage, wo man nach Spielterminen suchen kann, noch findet man einen Verein aus der Stadt in der obersten Spielklasse. Es gibt zwar Vereine aus dem Emirat Fujairah, aber die liegen so weit ab vom Schuss, das man als neutraler Beobachter fast dort übernachten müsste und da ich Sonntag um 7:30 Uhr (deutsche Zeit 5:30 Uhr) wieder arbeiten muss, fiel diese Überlegung direkt durch.
Gut. Wie kommt man am einfachsten von Fujairah nach Kalba (Emirat Sharjah), wenn es so gut wie keinen öffentlichen Nahverkehr gibt? Richtig, mit dem Taxi. Mag sich in euren Ohren vielleicht etwas dekadent anhören, aber hier unten ist das Taxi ein bezahlbares und leider auch oft das einzige Mittel um von A nach B zu gelangen. Es gibt zwar Überlandbusse, die aber alle zu dem Knotenpunkt Dubai fahren. Das zwar für wenig Geld, aber was will ich in Dubai, wenn das zu sehende Spiel nur 15 km entfernt ist... Die Taxifahrt kommt auch nur 24 Dirham, was ca. 5 Euro entspricht.
Als dann der Eingang des Stadions gefunden war, bestellte ich einen Sitzplatz, was 100 Dirham (rund 20 Euro) kostete. Ich habe um ehrlich zu sein, nicht weiter auf das Ticket geschaut, da ich mir erst mal das Stadion ansehen wollte. Es gibt nur eine Haupttribüne die im Westen gelegen ist, Sonne also im Rücken. Stehplatzbereich? Fehlanzeige! Was allerdings auffällt sind die Parkplätze direkt an den Aufgängen zu den Rängen. Hier mag man es nicht, wenn man weit bis zu seinem Auto laufen muss. Ebenso überraschend war, dass es keinerlei Sicherheitskontrollen gab. Weder am Einlass, noch an den Tribünenaufgängen. Zwar war jede Menge Security und Polizei vor Ort, aber keinerlei Anzeichen von einer Durchsuchung. Ebenso interessant, dass es keinerlei Art der Fantrennung außerhalb der Tribünen gab. Die einzelnen Blocks sind zwar getrennt, aber das war es. Als ich dann einen der netten Sicherheitsmenschen fragte, wo denn mein Sitzplatz wäre, fiel mir das erste mal auf, das da ein VIP auf dem Ticket steht…! Ich hatte also ein VIP-Ticket gekauft. Für 20 Euro! Wenn das so weitergeht gefällt es mir hier Fußball zu gucken. Also rein ins Vergnügen. Mixed Zone, Gebetsraum, Umkleidekabinen, Schiedsrichterkabine und Dopingkontrolle sowie das Büro der Liga-Offiziellen. Alles sehr ungewohnt zu sehen als einfacher Fußballfan. Auf der Tribüne angekommen suchte ich mir mal einen gemütlichen Sitzplatz im Ledersessel. Da die Plätze auch nicht nummeriert waren suchte ich mir einen mit guter Sicht über den Pressemenschen aus. Etwas versetzt zu den Heim-Fans erster Klasse. Denn anstelle den Blocks Namen zu geben oder zu nummerieren geht es von der Kurve (wegen Laufbahn) los mit Gäste-Fans zweiter Klasse, steigert sich in Gäste-Fans erster Klasse, Als Höhepunkt auf Höhe der Mittellinie die VVIP (keine Ahnung, wofür das zweite V steht..) und geht dann wieder runter zu den Heim-Fans erster Klasse, bis wieder in der nächsten Kurve angekommen die Heim-Fans zweiter Klasse platziert sind. Interessant wurde es, als sich dann ein paar Minuten vor Spielbeginn ein älterer Einheimischer Mann einfand und eine kleine Unterhaltung über meine Heimat, Fußball und Mainz 05 und sein Land und dem einheimischen Fußball mit mir begann, weil ich mich furchtbar ärgerte, weil Mainz grade das 0:1 gegen Freiburg gefangen hatte. Von ihm erfuhr ich, dass es bei diesem Spiel egal wäre, wie es ausgehe. Bani Yas würde Zweiter bleiben mit 7 Punkten Rückstand (bei einem Sieg) auf den Tabellenführer Al Jazira, und Kalba würde (Ergebnisunabhängig) Tabellenletzter (12.) bleiben. Von ihm erfuhr ich auch, dass je nach Vertragslage nach 2 oder 3 Niederlagen alle ausländischen Spieler sich problemlos dazu aufgefordert werden würden, sich einen neuen Verein zu suchen (Zum Beispiel: Bancé bei Al Ahli).
Wenn man die Spielumgebung sieht, sieht man unter anderem, dass es neben wenig Zuspruch (674 Zuschauer) nur sehr wenige Sponsoren gibt. Über allem schwebt Etisalat (arabische Telekom). Die erste große Überraschung erfolgte dann, als die Heim-Fans anfingen ihren Support zu starten. An ein Megaphon im Block hab ich mich ja schon lange gewöhnt, Trommeln kenn ich auch schon aus dem Stadion, aber ein Dudelsack und die orientalische Flöte waren mir neu. Ebenso neu war die Erkenntnis, dass sogenannte Endlosschleifen durchaus interessant sein können. Ein Beispiel findet ihr in Youtube.
http://www.youtube.com/watch?v=8cKboxtbO1Q
Es ist der fünfzehnte von 22 Spieltagen. Langsam beginnt also auch hier die heiße Phase. Bani Yas wird seiner Favoritenrolle gerecht und beginnt sehr stark. Beeindruckend auch, was man hier unter Fairplay versteht. Wenn ein Spieler am Boden liegt, wird (sofern der Schiedsrichter nicht unterbricht) weitergespielt und wenn der Spielzug beendet ist – in vorliegendem Beispiel ein Einwurfentscheid – wird der Ball zum Torwart gespielt. Oder wenn eine Mannschaft nicht vollzählig ist wird sich auf engstem Raum der Ball zugeschoben, ohne dass ein Gegner attackiert. Wenn die Mannschaft wieder vollzählig ist, wird der Ball zurückgespielt und ein neuer Angriff aufgezogen. Habe das ganze heute mehrfach beobachtet und finde es nicht unbedingt schlecht. Nach knapp einer halben Stunde findet auch Kalba endlich in das Spiel und erlangt langsam aber sicher ein Chancenplus. Allerdings wäre zu diesem Moment alles andere als ein Unentschieden mehr als unverdient. Bani Yas geht einfach auch zu schlampig mit seinen Chancen um. Muss man so schreiben, weil es keine andere Möglichkeit gibt, wenn man komplett freistehend aus 4 Metern es nicht schafft den Torwart zu überwinden. Er hätte noch fragen können, wo er den Ball gerne rein haben möchte und versemmlt dann großartig. Den daraus entstandenen Konter kann Kalba leider nicht nutzen und scheitert an den eigenen Nerven (35. Minute). Was mir ziemlich missfällt ist die Einstellung, dass ein Mittelfeld das Spiel nur unnötig langsam machen würde. Die meisten Bälle gehen lang und hoch in die Spitzen. Wenn man dann aber mal den Ball im Mittelfeld findet geht es manchmal heiß her, was in Minute 38 die erste gelbe Karte für Kalba nach sich zieht. Was folgte erinnerte mich ein wenig an einen „Tomislav Piplica“-Gedächtnis-Kopfball. Kalba´s Torhüter steht rund 20-25 Meter vor der Grundlinie und es kommt (mal wieder) ein langer Ball von Bani Yas- Defensive in Richtung Sturm. Torwart rennt noch ein Stück weiter raus und bleibt Sieger im Kopfballduell mit seinem Verteidiger. Leider springt der Ball dabei nach hinten und Bani Yas nutzt die Möglichkeit und macht das 1:0 (44.)
Halbzeit. Einige der Leute verschwinden in den Gebetsraum, einige gehen auf Toilette und einige gehen nach draußen eine rauchen.
Zum Wiederanpfiff könnte man meinen, dass die Spieler von Kalba vielleicht doch etwas zu viel FIFA11 gespielt haben. Direkt nach Wiederanpfiff versuchen sie es vom Freistoßpunkt aufs Tor zu schießen, was natürlich daneben geht. Das Spiel verflacht zusehends und nach einem scheinbar harmlosen Zweikampf muss der Torwart von Bani Yas behandelt werden. Zum Glück holten seine Spieler auf der gegenüberliegenden Seite ein Eckstoß raus. Da der Schiedsrichter das Spiel zur Behandlung unterbrach boten die Spieler eine kleine Unterhaltungseinlage und zauberten ein wenig im und um den Strafraum. Hauptsächlich wurde versucht der Ball hochzuhalten. Dies gelang allen Beteiligten beider Mannschaften sehr gut. Man bekommt echt was geboten für sein Geld. Leider werden mit zunehmender Spieldauer die Fouls zum einen übler und zum anderen werden die Kellner, die uns die ganze Zeit mit Schnittchen, frischem Obst und Getränken versorgten etwas müde und wollten das Spiel auch sehen, bis mein Sitznachbar ihnen ein paar warme Worte auf arabisch um die Ohren gehauen hat. So konnte ich nur an den Reaktionen meiner Nachbarn sehen, wie Kalba sich eine Großchance erspielte und Bani Yas den Spielbetrieb nahezu einstellte und versuchte das Ergebnis zu verwalten (55.-62. Minute). Danach nehmen die Unterbrechungen wegen Verletzungen zu und der Caddie, dass man aus der Premier League kennt, kommt mehrfach zum Einsatz. In der 76. Minute allerdings erobert Kalba den Ball in der eigenen Hälfte auf der rechten Seite und der Spieler startet durch und haut den Turbo rein, tanzt das komplette Mittelfeld und die Abwehr aus und es steht nur noch 1:1. Absolut verdient und jetzt flippen alle aus. Der eh schon ohrenbetäubende Lärm des Supports wird noch lauter. Kalba wittert Morgenluft und die Chance einer Sensation, was leider häufig in Freistößen für Bani Yas endet, die allerdings alle als gefahrlos irgendwo im nirgendwo landen. In der Schlussphase kam es zu einigen strittigen Situationen gegen Kalba. Ob es wirklich Abseits war, bevor der Ball erneut im Netz zappelte würde ich nicht beeidigen wollen. Wenn dann war es knapp, aber das Publikum war natürlich auf 180. Als dann in der 89. Minute auch noch ein eindeutiger Elfmeter verweigert wird ist natürlich Schluss mit der arabischen Gelassenheit. Der 4. Offizielle, der auch aktiv mit den Schiedsrichterassistenten kommunizierte, zeigt 4 Minuten Nachspielzeit an und alle merken, das Kalba dem Sieg näher ist, als Bani Yas dem Unentschieden. Als Kalba´s Torwart dann in der 92. Minute gefoult wird hat er natürlich alle Zeit der Welt und schlägt nach langem Warten endlich unglaublich weit ab. Der Ball landet kurz vor dem gegnerischen Strafraum punktgenau auf dem Sturmpartner, der eiskalt in der 93. Minute zum 1:2 einnetzt. Heimsieg! Wäre Wetten erlaubt, hätte man mit diesem Ergebnis sicher eine Menge Geld verdient. Zeitgleich mit dem kurz darauf folgenden Schlusspfiff nimmt mich mein Sitznachbar am Arm und meint, ich solle ihn doch in die Spielerkabine begleiten. In dem Moment erfuhr ich auch von ihm, dass er der Präsident des Vereines wäre und er sich über ausländisches Interesse an seinem Verein sehr freuen würde. Dabei hatte ich noch nicht mal die Prophet-Gedächtnis-Masche mit dem Spielerbeobachter von Aarau aus 2001 gezogen… Was allerdings noch überwältigender war, war die Tatsache, dass die Spieler ihren Triumph über den Tabellenzweiten nicht mit den Verantwortlichen und ein paar wenigen Gästen feierte, sondern alle Türen öffnete und jeder, der reinkommen wollte in die Kabine dürfte. Es war eine Feierlaune, als ob soeben der Klassenerhalt, wenn nicht sogar die Meisterschaft geschafft worden wäre. So was habe ich noch nicht gesehen. Allerdings werde ich versuchen mir das noch ein oder andere Mal anzusehen.
Auf dem Rückweg musste ich leider feststellen, dass die Taxi-Dichte in Kalba leider nicht so stark ist, wie in Fujairah. Dafür sind die vorhandenen Taxis billiger. Auf der Rückfahrt waren es nicht mal 3 Euro, die zahlen musste. Wenn es gehen würde, würde ich mir ab sofort Taxis aus dem Emirat Sharjah bestellen. Auch wenn man gut verdient muss man ja ein wenig aufs Geld schauen. Zu Hause angekommen, habe ich mit großer Überraschung festgestellt, das man im Internet keinen Spielbericht findet, wie wir ihn aus Europa kennen, sondern den offiziellen Spielberichtsbogen.! (
http://ufl.ae/en/content/match/report/?season_id=1&season_competition_id=5&id=220)
Bilder findet ihr unter:
http://www.facebook.com/album.php?aid=52004&id=100000269076617&l=8bea70f430